Krisen verstehen - Eine Tagung des SFB 640
Tagung
Die Rede von der Krise hat derzeit Konjunktur. Das Jahr 2008 brachte die Finanzkrise. Die Wirtschaftskrise beherrscht das Jahr 2009. Je tiefer die Aktien notieren, desto höher steht das Wort "Krise" im Kurs. Die Zeiten scheinen unsicher. Angesichts bankrotter Banken und hoch verschuldeter Staatshaushalte stehen alte Gewissheiten zur Disposition.
Die Verunsicherung indes rührt vielfach daher, dass jede Krise als einzigartig erlebt wird. Die vielfältigen Ängste, die von Krisen geschürt werden, haben ihre Ursache in der unterstellten Einmaligkeit jeder neuen Notlage. Die Relativierung derart gefühlter Krisen – etwa durch den historischen Vergleich – bleibt zumeist auf der Strecke. Dabei macht erst die Kontingenz von Krisen das Phänomen zu einem spannenden Objekt wissenschaftlicher Forschung. Sie lädt ein zur Systematisierung und Theoretisierung. Die Frage lautet: Wie einzigartig sind Krisen? Oder anders gefragt: Wie kontingent sind sie?
Die Tagung "Krisen verstehen" widmet sich – anschließend an aktuelle Zeiterfahrungen – dem Phänomen der Krise aus kultur- und sozialwissenschaftlicher Sicht. Sie thematisiert Krisen als liminale Phase: als die Zeit, "in der das Alte tot und das Neue noch nicht geboren ist" (Gramsci). Sie widmet sich der Krise als einer Erscheinung des Übergangs, die durch die Beschleunigung von Abläufen und Wahrnehmungen sowie durch die Wechselhaftigkeit von Repräsentationen gekennzeichnet ist.
Krisen sind Verhandlungssache. Sie sind schwer zu beschreiben, zu bebildern, zu bereden. Denn während Krisen sich entfalten, kommen konkurrierende Deutungen und Sprechformen auf. Krisen verändern Repräsentationen von sozialen Ordnungen, von normativen Gesellschaftsmustern, von "guten Politiken". Sie fördern die Auseinandersetzung und den Wandel.
Krisen sind Gefühlsache. Die "reale" und die "wahrgenommene" Krise sind oftmals nicht deckungsgleich. Krisen brechen herein – aber erst im Nachhinein zeigt sich, dass man die Zeichen nicht zu deuten wusste. Umgekehrt machen Menschen Erfahrungen, die sie erst ex post als Krisen deuten, beispielsweise die "Große Depression" von 1873 bis 1896. Schließlich überschneiden sich gegenläufige Lesarten: die Angst koexistiert mit der Erwartung, dass die Krise reinigend wirkt und in eine helle Zukunft führt.
Die Tagung "Krisen verstehen" fragt, inwieweit Auffassungen von Krisen, die selbstverständlich erscheinen, spezifisch westlich sind. Wäre es nicht produktiv, in kulturvergleichender Perspektive zu untersuchen, inwieweit die Verwendung des Krisen-Begriffes in westlichen Gesellschaften ein Hinweis auf kulturgebundene Ordnungsvorstellungen ist?
Darüber hinaus beschäftigt sich die Tagung "Krisen verstehen" mit der Vorstellung, dass Krisen vielfach als die Zeit zwischen zwei statisch gedachten Normalitäten beschrieben werden. Wäre es nicht angemessener, Krisen als Beschleunigungsphasen permanent ablaufender Wandlungsprozesse zu sehen?
Kurz: Die Tagung interessiert sich für die Erfahrungsgeschichten von Krisen. Sie widmet sich den Krisen als Repräsentationen derjenigen Gesellschaften, in denen sie beschrieben werden.



